Ich lese gerade ein sehr interessantes Buch über die „Psychologie des Erwachens“ von Steve Taylor: THE LEAP. (Leider z.Zt. nur auf Englisch erhältlich.)

Es geht darin um unser Erwachen, um plötzliches Erwachen, graduelles Erwachen und den konstanten Zustand des Wachseins. Um Erwachen in den verschiedenen mystischen Traditionen und um die Fragen: Woraus erwachen wir denn eigentlich? Und wie erfahren Menschen Zeiten des Wachseins?

Steve Taylor meint, der kollektive Schlaf („der Fall“) sei erst vor ca. 6000 Jahren über die Menschheit gekommen. Seine deutlichsten Auswirkungen waren ein Gefühl von Trennung vom Natürlichen, der Verlust des „größeren Selbst“ und der Verbindung zum restlichen Leben sowie zur Quelle. Der ab diesem Zeitpunkt  vorherrschende Mangel an Verbindung und Empathie ermöglichte die zunehmende Ausbeutung der Natur, des Körpers, der Brüder. Ab diesem Zeitpunkt erfuhren sich die Menschen zunehmend „hier drinnen“ mit dem Rest der Welt „da draussen“. Damit einher ging und geht ein Gefühl des Mangels und des Verlustes, welches wiederum dazu führte, dass Menschen die eigenen Bedürfnisse und Wünsche über die Wünsche und Bedürfnisse des Ganzen stellten. Das eigene Selbstgefühl verlagerte sich vom Ganzen auf einen kleinen Rest, der nunmehr als „Ich“ empfunden wurde.

Eine wunderbare Beschreibung der Entstehung des Egos, oder? Und folgende Erfahrungen machen wir im Schlafzustand:

  • Ein ständiges Geschnatter im Geist, endloses Grübeln und innere Selbstgespräche (wer redet da eigentlich mit wem??)
  • Wir leben nicht wirklich in der Welt, sondern im Geist; wir erfahren die Welt nur undeutlich und oberflächlich durch den Nebel dieser geistigen Überaktivität
  • Wir scheinen in der Zeit (die nicht wirklich ist) zu leben, statt im jetzigen Augenblick. wir sind ständig woanders: in der Zukunft oder der Vergangenheit, aber nicht wirklich im Jetzt.
  • Wir sind unzufrieden und unruhig. Das ständige negative Geplapper im Geist macht ruhelos und führt zu den entsprechenden negativen Emotionen.
  • Wir sind aufgrund des Gefühls der Trennung ständig in Angst, die ihrerseits noch von dem unruhigen Geist und seinem „Vor-Fürchten“ genährt wird.
  • Da unser Geist in der Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her rast, geht ein Großteil unserer geistigen/spirituellen Energie zu Bildern und Vorstellungen, so dass unsere Wahrnehmung der wirklichen Welt deintensiviert wird, abflacht. Wir sehen die Wunder nicht mehr.
  • Wir erfahren eine starke Beschränktheit unserer Sichtweise. Wir sehen alles und alle nur auf uns selbst bezogen. „Was bringt es mir?“ „Was macht es mit mir?“ „Wie sehen mich andere?“
  • Ein ständiges Bedürfnis zu bestimmten Gruppierungen zu gehören (Familie, Verein, Nation, Hautfarbe) und von dieser in der eigenen Sichtweise bestätigt zu werden. Gleichzeitig werden Andersartige abgelehnt. „Ich gehöre zu den Kaninchenzüchtern und bin gegen die Jäger.“ Das Gefühl des Getrenntseins soll durch diese weltliche Zugehörigkeit abgemildert werden.
  • Ein Drang, sich anzupassen, um dazu zu gehören. Die Folge ist ein unauthentisches Leben.
  • Da im Schlafzustand so viel Unzufriedenheit, Angst und Konflikt erfahren wird, wird Erleichterung gesucht: 1. in Zeitvertreib/Ablenkungen, wobei die Aufmerksamkeit die allermeiste Zeit auf Äußeres gerichtet wird. Und 2. dadurch, dass die Menschen versuchen, sich mit etwas Äußerem zu vervollständigen: Besitz, Beziehungen, Reichtum, Ruhm, Status oder Macht.

Hört sich bekannt an, oder? Wie ist im Gegensatz dazu ein erwachter Zustand?

Eine grundsätzliche Definition, die Steven Taylor anbietet ist diese: „Erwachen ist eine Erfahrung gesteigerter Klarheit, Offenbarung und Freude, in der wir uns einer tieferen (oder höheren) Ebene der Wirklichkeit bewusst werden. Wir nehmen alles harmonischer und bedeutungsvoller wahr und transzendieren dabei unser Gefühl des Getrenntseins von der Welt.“

Dabei gibt es graduelle Unterschiede. Weniger intensives Erwachen kann auf einem Spaziergang in der Natur, bei der Meditation oder während der Entspannung geschehen. Ein „mittelstarkes“ Erwachen beinhaltet neben einer verstärkten Erfahrung von Verbundenheit oft eine starke Liebe zum Leben und anderen Lebewesen. Möglicherweise erfährst Du dabei die Gegenwart Gottes in allen Dingen oder alles leuchtet in Deiner Sicht. Noch intensiveres Erwachen könnte eine Erfahrung sein, in welcher sich die ganze Welt in ein Meer der Glückseligkeit aufzulösen scheint. Vielleicht wirst Du eins mit dem Licht des Universums und/oder erfährst Dich selbst als das Universum oder gar Gott.

Am deutlichsten zeigt sich das Erwachen – wie lange es auch immer anhält und wie intensiv es auch immer ist – in einer veränderten Wahrnehmung und Erfahrung in der Welt.

  • Die Wahrnehmung ist intensiviert. Man hat kindliche Freude an Kleinigkeiten, die andere übersehen. Die Welt ist ein Wunder! Die Filter und Mauern sind weggeblasen, so dass jede Erfahrung und Wahrnehmung willkommen ist.
  • Zeit wird ganz anders wahrgenommen. Die Gegenwart rückt viel mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Im wachen Zustand fokussiert man auf die gegenwärtige Erfahrung: die Menschen mit denen man zusammen ist, die Gefühle, die jetzt da sind, etc.
  • Zeitlosigkeit wird öfter empfunden, da es das Ego ist, welches „Zeit macht“, indem es sich auf die Formen der Welt und deren Veränderung fokussiert. Mit einem abgeschwächten Ego sind Vergangenheit und Zukunft sehr viel uninteressanter als der jetzige Augenblick.
  • In intensiverem Erwachen werden wir uns der spirituellen Energie (bzw. Gott) bewusst, die alle Dinge durchdringt.
  • Wir fühlen uns lebendiger, harmonischer und verbundener.
  • Wir erfahren uns selbst innerlich auch anders/neu/befreit. Bei einem plötzlichen Erwachen kann dies zu einer Desorientierung führen, aber bei graduellem Erwachen wird das alte Selbst-System allmählich durch ein anderes und erweitertes Selbst-System (das Selbstbild mit den dazugehörigen Gedanken und Gefühlen) ersetzt.
  • Wir erfahren sehr viel weniger oder kein inneres Geplapper. Der Geist wird still, ruhig. Der Verstand kann eingesetzt werden, aber ist nicht mehr in ständigem Aufruhr. Er wird zu einem Instrument der Vernunft, nicht mehr des Chaos.
  • Das vorherrschende Gefühl ist das der Verbundenheit, nicht der Trennung. Dies kann sich steigern zu einem Gefühl der Erfahrung von Einheit mit Allem-was-ist.
  • Wir haben viel weniger Abwehr und Grenzen, da wir mit etwas viel größerem identifiziert sind.
  • Wir haben viel mehr Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Wenn wir erfahren, dass unser größeres Selbst leidet – also der Brüder, die Natur, das Tier – schmerzt es uns und wir spüren den natürlichen Impuls zu helfen. Liebe strahlt von uns aus.
  • Ein viel höherer Grad an Zufriedenheit kehrt ein. Nicht ununterbrochene Glückseligkeit, aber Freiheit von den negativen Auswirkungen des Ego-Geplappers und so gut wie keine Sorgen oder Ängste. Ein Gefühl von Frieden und Ganzheit.
  • Wir haben ein Gefühl von Bedürfnislosigkeit und Dankbarkeit.
  • Die Freiheit, sich selbst authentisch zu leben und zu geben.
  • Kaum oder keine Angst mehr vor dem Tod.

Tja, ist das nicht eindeutig die bessere Wahl: zu erwachen? Der Kurs hat mich aufgeweckt. Das Licht ist gekommen! Und bei den vielen, die das hier lesen, wird das auch schon der Fall sein. Feiern wir das Erwachen und strahlen wir es in die Welt hinaus. Es gibt einen klaren Weg, der nicht viel verlangt und uns doch so sanft aufweckt. Gehen wir ihn gemeinsam…

Segen, Manuela